Entlang der Piura

Etwas verwirrend war es schon, gerade am Anfang. Wurde von Piura geredet, musste man genau hinhören “welches” Piura gemeint war. Es gibt die Stadt Piura, welche im Norden Perus in dem Bezirk Piura liegt und durch die ein Fluss mit dem Namen, man ahnt es schon, Piura fließt. Und um Letzteres geht es in diesem Artikel.

Die Piura wird in 3600m Höhe als der Fluß Huarmaca geboren und fließt 280km in nord/südliche Richtung, um dann südlich der Stadt Piura nach Westen abzubiegen. In der Mündungsregion Bahía de Sechura geht sie dann schließlich in den pazifischen Ozean über.
Wir kamen im späten Winter, genauer gesagt im August, in Piura an und hatten unsere erste Begenung mit dem Fluß auf der Brücke “Andrés Avelino Cáceres”. Von Oben blickten wir auf ein “wasserarmes” halbausgetrocknetes Flussbett herab, dass ich aus Wüstengegenden kenne, daher war ich nicht sonderlich überrascht über den Wasserstand, noch bevor man mir erklärte, dass es weiter nördlich einen Staudamm gibt, der dafür verantwortlich ist.


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Frau k bemerkte Trampelpfade, die seitlich der Brücke zum Flussbett führten und ein paar Tage später trafen wir die Entscheidung uns hinunter zu wagen und in Richtung Norden, weg von der Stadt, die Piura entlang zu laufen. Zuvor hatten wir uns Auskunft darüber eingeholt, ob es denn “gefährlich” sei für weiße Ausländerinnen, doch unsere deutschen Gastgeber verneinten dies und sagten, sie hätten von noch keinen Vorfällen gehört und ihr Sohn ginge mit seinen Freunden dort öfters baden. Allerdings sei der Teil in Richtung Zentrum  mit mehr Vorsicht zu geniessen, dort sind häufig Drogenabhängige unterwegs.

FuesseWir stiegen also am Rande der Brücke ab und machten unsere ersten Schritte im Flussbett. Anfänglich noch nervös um mich schauend, erschien mir die Gegend nach einer Weile friedlich und einladend. Wie zuvor schon erwähnt führt die Piura nicht viel Wasser mit sich, da sie weiter nördlich durch einen Damm gestaut wird. Obwohl es Winter ist, sind die Temperaturen angenehm warm, bei 28 Grad, die Sonne scheint und wir laufen barfuß über den Sand. Hin und wieder windet sich die Piura in einen Bogen und “versperrt” uns den Weg. Wir nehmen es  als Einladung dankend an, unsere Füsse in dem Wasser etwas “abzukühlen”. Tiefere Stellen vermeiden wir lieber und umgehen sie.
Unseren ersten Spaziergang starteten wir an einem späteren Nachmittag. Da es relativ schnell dunkel wird (um so näher am Äquator um so schneller), wollte ich eigentlich sehr gerne umkehren und an einen der anderen Tage wiederkommen. Frau k wollte dies nicht. Sie war viel zu neugierig, wie es wohl an der nächsten Ecke ausschaut und ob wir den Staudamm sehen können. Sie willigte schließlich ein, das Flussbett zu verlassen und den erspähten Trampelpfad auszukuntschaften, der uns evtl. zu einer Strasse führen würde, die uns zurück nach “Hause” führt. Mein Handy mit Navigation hatte ich sicherheitshalber nicht mit, denn was nicht da ist, kann auch nicht geklaut werden.  Wir kamen an ein mit Mais, Kürbissen und Wassermelonen bepflanztes Feld vorbei. Für Frau k ein sicheres Zeichen: dort sind Menschen und dort gibt es Wege zu einer Strasse. “Menschen”, dachte ich, achherje, lieber von Menschen fern halten. In Deutschland führt das eher zu Problemen. “Lass uns lieber zurück gehen, dort kennen wir uns aus und es wird auch schon dunkel. Ich will mich nicht im Dunkeln verlaufen”, meinte ich.

Tja, was soll ich sagen, die Sturheit siegte und so ging ich wieder zurück zur Brücke (und zu Menschen…) und Frau k folgte ihrem Gefühl und bewegte sich in die Richtung fort, wo sie eine Abkürzung nach Hause vermutete. Das Ende vom Lied war, dass ich, natürlich, im Stock Dunkeln “nach Hause” kam, während Frau k schon dort angekommen und in Vorbereitung einer “Suchmannschaft” nach mir war. Und die Moral von der Geschicht: Manchmal muss einfach der eigene Weg gegangen werden, ob es Sinn macht oder nicht. 😀

Entlang der PiuraIn den nächsten Tagen und Wochen gingen wir regelmässig die Piura entlang. Wir entdeckten neue Wege, Abkürzungen und fanden sicher nach “Hause” zurück, in den verschiedensten Variationen. Unser Lieblingsweg führte uns entlang der sandigen kleinen Vorortstrassen vorbei an grüne Gärten, quer durch zukünftiges Baugebiet. An der einen Ecke saßen die Nachbarn oft beim Mittagessen zusammen und wir grüßten einander. Gerne hätte ich etwas mehr als Smalltalk gemacht, aber mein Spanisch ließ das noch nicht zu. Ganz in der Nähe der Piura gab es wiederum so ein Neubaugebiet, mit der typischen hohen Mauer und Tor. Einige Pazellen waren noch leer und nur mit einem Zaun abgegrenzt. Dort bemerkten wir einen großen Kaninchenbau, oder so dachten wir zuerst, bis plötzlich ein Eulenkopf daraus hervorlugte. Und noch einer und noch einer und noch einer. Neugierig wurden wir von den Kanincheneulen beobachtet. Seitdem bin ich verliebt in diese Eulen, dessen “Schreie” bzw. Rufen in der Dämmerung zu hören sind. Sehr freundliche und neugierige Wesen. Umso näher man dem Fluss kommt umso grüner wird es. Die Region Piura ist halbtropisch im Osten und wüstig (ist das ein Wort?) im Westen. Ein sogenannter Trockenwald  durchzog die Gegend, von dem im urwüchsigen Zustand noch Teile auf dem Gelände der Universität von Piura zu sehen sind. Sand ist überall. Eines Tages hörten wir merkwürdige Vogelstimmen aus einem der dicht belaubten Bäume kommen und plötzlich flog ein ganzer Schwarm grüner Papageie hoch in die Luft. Mein Glück war perfekt. Ich hatte wilde, also freilebende Papageien gesehen. Papageien! Oh, welch Glück!

Der Damm der PiuraDer Damm staut die Piura zu einem “richtigen” Fluss. Dieses Wasser wird von Bauern für ihre vielen Felder benutzt. Daher ist dort ein Weiterkommen nicht mehr möglich. Zäune bestimmen das Geschehen. Durch die dicken Mauern des Dammes fließt ständig etwas Wasser und soweit ich die Einheimischen richtig verstanden habe, müsste er dringend repariert werden. Eine schöne “Nebenwirkung” dieses Defektes ist allerdings die Badestelle, die dadurch entstehen konnte. Gerade tief genug um mal kurz hin und her zu schwimmen. Hier trafen wir des öfteren auf Menschen, die uns, glaube ich, nicht zu sehen erwartet hatten. Zwei blonde weiße Frauen, davon eine sehr groß und die andere nicht. Doch ein fröhliches ¡Hola! ¿Cómo están? führte in den meisten Fällen zu freundlich aufleuchtenden Gesichtern und fröhlichem höflichen Antworten.
Unsere Spaziergänge entlang der Piura waren von viel Ruhe und einem Gefühl der Verbundenheit mit der Natur geprägt. Anders als in Deutschland, bodenständig und sicher, als würden mir Wurzeln aus den Fußsohlen wachsen.

Manchmal trafen wir auf ein Rudel Hunde, die von der Siedlung auf der anderen Seite stammten. Wir schauten uns gegenseitig an und gingen uns aus dem Weg. Und einmal kamen plötzlich zwei Frauen mit Macheten aus dem Gebüsch, keine Ahnung wonach sie suchten, ich wollte nicht fragen. Mit einer Machete in der Hand, sieht egal wer “komisch” aus. Sie ignorierten uns einfach und auch wir gingen ihnen aus dem Weg. Der herannahende Sommer begang die Gegend unruhiger zu machen. Die Atmosphäre veränderte sich, wir fingen an uns nicht mehr ganz so wohl zu fühlen. Und dann gab es eine Begenung mit einer Frau, die wohl an einer Stelle in der Nähe der Brücke “Andrés Avelino Cáceres” lebte und Frau k nach Essen und Geld fragte. Oftmals hatten wir den Einkauf mit dabei, weil unser Einkaufszentrum gleich auf der anderen Seite war. Ich war schon vorgegangen und bekam den Vorfall gar nicht mit. Weil Frau k ihr nicht geben wollte, was sie verlangte, bedrohte die Frau sie mit den Worten, sie solle aufpassen, weiter hinten würde man sie umbringen. Danach ließen unsere Spaziergänge nach. Leider. Aber die schöne Zeit hier hatten wir erlebt und in unseren Herzen.

Monate später entdeckte ich ein Video auf youtube, gemacht von einer Gruppe Studenten, die die Piura bis zum Pazifik hinunter gewandert waren. In der Mündungsregion Bahía de Sechura werden aus der Piura mehrere Seen bis sie dann schließlich in den Pazifik mündet. Liebend gern wäre ich dort mitgewandert.

Und noch ein Zusatz zu der Region. Der Humboldtstrom fließt auf dieser Höhe im Pazifik vorbei, welcher alle paar Jahre zu nicht aufhörenden Regenfällen mit Überschwemmungen führt, der sogenannte “El Niño”, meistens um die Weihnachtszeit. Unsere deutschen Gastgeber hatten uns gewarnt, weil vorausgesagt wurde, dass das Wetterphenomen “El Niño” höchstwahrscheinlich stattfinden würde. Dann läuft der Staudamm über und das ganze große weite Flussbett der Piura füllt sich mit Wasser und überschwemmt die ganze Stadt. Ich höre immer noch ihre Stimmen in meinem Ohr, als sie uns erzählten, wie beim letzten großen “El Niño” die Leichen durch die Strassen Piuras schwammen. Erst später und nach langem geduldigen Fragen fand ich heraus, dass es sich bei den Leichen um Friedhofsbewohner handelte, die aus ihren Gräbern geschwemmt wurden sind.

  • Blick nach Süden

  • Schönes Blau

  • Ortsteil Castilla

  • Fussgängerbrücke

  • Brücke

  • Sonnenuntergang

  • Äusseres Flussbett

  • Weg heraus...

  • Huch Tief
  • In der Mitte ist ein Fluss
  • Blick nach Süden
  • Schönes Blau
  • Der Ortsteil Castilla
  • Fussgängerbrücke
  • Füssgängerbrücke von der Ferne
  • Sonnenuntergang
  • Äusseres Flussbett
  • Weg heraus...
  • Huch! Tief!
  • In der Mitte ist ein Fluss

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Meine ersten Blogerfahrungen machte ich mit den Güeras in Mexico WordPress Blog. Reisen und schreiben darüber erleuchtet mein Leben und schon war der Reiseblog jk-unterwegs.com geboren.

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